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Der Motorrad-Guide für die Sonneninsel Usedom: Küstenstrecken über B111 und B110, die Kaiserbäder Ahlbeck, Heringsdorf und Bansin, Peenemünde, Tagesrunden, Werkstätten und Anreise über die Brücken.

Usedom liegt im äußersten Nordosten Deutschlands, in der Pommerschen Bucht der Ostsee, und wird von einer Staatsgrenze geteilt: rund 373 Quadratkilometer gehören zu Mecklenburg-Vorpommern, etwa 72 zur polnischen Stadt Świnoujście (Swinemünde). Mit 445 Quadratkilometern Gesamtfläche ist Usedom nach Rügen die zweitgrößte deutsche Insel. Für Motorradfahrer heißt das: ein Revier, das sich in einer langen Tagesrunde umfahren lässt, das aber zwei Länder, zwei Küstenlinien und ein waldreiches Hinterland auf engem Raum bündelt.

Motorradfahren auf Usedom

Wer die Insel als Fahrrevier begreift, lässt die Erwartung an Serpentinen und Passhöhen zu Hause. Usedom ist flach bis sanft gewellt. Die höchste Erhebung, der Golm im Südosten nahe Kamminke, misst 69 Meter; der bewaldete Streckelsberg bei Koserow bringt es an der Steilküste auf rund 58 Meter. Das ist kein Höhenprofil, das den Motor fordert — der Reiz liegt anderswo: in langen, ruhigen Küstenachsen, in schnurgeraden Alleen unter altem Baumbestand und im überraschend hügeligen Moränenland des Hinterlands, das man die „Usedomer Schweiz" nennt.

Die Lebensader der Insel ist die Bundesstraße 111. Sie kommt vom Festland, quert bei Wolgast die Peenebrücke — eine kombinierte Straßen- und Eisenbahn-Klappbrücke, im Volksmund „Blaues Wunder" — und zieht als Rückgrat quer über die Insel: Mölschow, Zinnowitz, Zempin, Koserow, Loddin, Ückeritz, dann ins Inselinnere nach Pudagla und Benz, bis sie nahe Mellenthin auf die B110 trifft. Die B110 wiederum bindet den Südwesten über die Zecheriner Brücke ans Festland bei Anklam an. Beide Inselzufahrten sind Klappbrücken, die für den Schiffsverkehr auf dem Peenestrom zu festen Zeiten öffnen und den Straßenverkehr so lange anhalten. Dieser Takt gehört zur Anfahrt und lässt sich in die Etappenplanung einrechnen.

Fahrerisch teilt sich die Insel in zwei Charaktere. Entlang der Ostseeküste reihen sich die Seebäder wie an einer Perlenkette: Zinnowitz, Zempin, Koserow, Ückeritz und im Südosten die drei Kaiserbäder Bansin, Heringsdorf und Ahlbeck. Hier fährt man flach, oft in Sichtweite des Wassers, durch Kiefernwald, der bis fast an den Strand reicht — Usedom ist zu großen Teilen bewaldet und steht als Naturpark Insel Usedom unter Schutz. Zwischen Ostsee und dem Achterwasser, der ruhigen Binnenlagune im Süden, verengt sich das Land bei Zempin auf nur wenige hundert Meter — beide Wasserflächen liegen dort fast gleichzeitig links und rechts der Straße. Das zweite Gesicht zeigt das Hinterland zwischen Benz, Mellenthin und dem Gothen- und Schmollensee: Endmoränen-Hügel, kleine Seen, engere Landstraßen mit leichtem Auf und Ab und ein paar echten Kurven. Diese Hügel sind eiszeitliche Stauchmoränen — dieselbe Gletscherarbeit, aus der auch die Steilküsten der Insel stammen. Auf schmalen Nebenstrecken und in mancher historischen Allee liegt noch Kopfsteinpflaster, das bei Nässe rutschig wird. Fahrerisch ist dieser Inselteil der interessantere.

Strandkörbe am Ostseestrand im Gegenlicht der tiefstehenden Sonne
Strandkörbe im Abendlicht

Die zweite Länge kommt aus dem Osten. Am Ende der Strandpromenade von Ahlbeck — mit ihren zusammenhängenden Abschnitten von Bansin bis nach Świnoujście gilt sie als eine der längsten Strandpromenaden Europas — verläuft die deutsch-polnische Grenze mitten durch die zusammengewachsene Bebauung. Seit Polens Schengen-Beitritt fährt man ohne Schlagbaum und ohne Kontrolle nach Świnoujście hinüber. Wer weiter will, nimmt seit 2023 den Tunnel unter der Świna: eine 1,78 Kilometer lange Straßenröhre, die den Usedom-Teil der Stadt mit der Nachbarinsel Wolin verbindet und die frühere Autofähre ablöst. Von dort führen polnische Landstraßen weiter Richtung Wolin und Kołobrzeg. Auf polnischer Seite gilt Abblendlicht rund um die Uhr, auch am Tag — sonst unterscheidet sich der Fahralltag wenig vom deutschen Teil.

Auch die Nordspitze lohnt die Anfahrt. Von Zinnowitz führt die Straße über Trassenheide und Karlshagen nach Peenemünde, wo die Insel in einem stillen, dünn besiedelten Zipfel ausläuft — ein Kontrast zur belebten Bäderküste und eine der ruhigsten Strecken der Insel. Der Süden um Usedom-Stadt und Karnin am Peenestrom ist noch schwächer befahren; hier findet man das ländliche, fast menschenleere Usedom mit weiten Blicken übers Wasser des Stettiner Haffs. Wer die volle B111 in der Saison umgehen will, weicht auf die kleineren Straßen der Achterwasser-Seite aus — sie verbinden dieselben Orte über ruhigere Nebenrouten am Binnengewässer entlang.

Zum Fahrgefühl gehört das Licht. Mit rund 1.917 Sonnenstunden im Jahr — gemessen in Zinnowitz — gilt Usedom als sonnenreichste Gegend Deutschlands, daher der Beiname Sonneninsel. In der Praxis bedeutet das viele klare, trockene Fahrtage von Mai bis September, dazu die für die Ostseeküste typische, oft steife Brise, die auf den offenen Küstenabschnitten am Lenker zu spüren ist. Die Hauptsaison bringt vollere Straßen und Wartezeiten an den beiden Klappbrücken; wer früh am Tag oder in der Nebensaison unterwegs ist, hat die langen Alleen und die Küstenachsen weitgehend für sich. Das Seeklima dämpft die Extreme: Die Sommer bleiben moderat, Frühjahr und Herbst geben stabile, kühle Fahrtage, an denen die Insel spürbar leerer ist.

Motorräder vor dem stehen gebliebenen Hubteil der Karniner Eisenbahnbrücke
Das Hubteil der Karniner Brücke steht seit 1945 allein im Peenestrom

Usedom ist damit kein Kurven-, sondern ein Landschafts- und Distanzrevier: flache, gut ausgebaute Küstenstraßen, schattige Alleen, dazu ein hügeliges Hinterland. Über den offenen Grenzübergang bei Ahlbeck lässt sich eine Tagestour ohne Umstände über eine Staatsgrenze und durch den 2023 eröffneten Ostsee-Tunnel legen — eine Kombination aus Meer, Wald und zwei Ländern, die es an keiner anderen deutschen Küste gibt.

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